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Abstinenz - Konsum - Kontrolle

Herbst-Arbeitstagung vom 18. bis 20. November 2016 in Stadtbergen bei Augsburg

Kreuzbund-Gruppen arbeiten abstinenzorientiert. Abstinenz ist jedoch kein Selbstzweck oder Ziel, sondern ein zu schaffendes Fundament für eine zufriedene Lebensführung mit Familie, Freunden sowie in Beruf und Freizeit. Abstinenz fällt nicht vom Himmel; es bedarf eines Prozesses des Herauswachsens aus der Sucht mit Höhen und Tiefen, um eine stabile Abstinenz zu erreichen.

Wenn jemand mit dem Anliegen in eine Selbsthilfegruppe kommt, seine Trinkmenge reduzieren zu wollen, sollte dieser Wunsch ernst genommen und geprüft werden, ob und inwieweit die Gruppe ihn bei dem weiteren Klärungsprozess begleiten kann. Unter der Voraussetzung, dass der oder die Ratsuchende nüchtern in die Gruppe kommt, kann die Gruppe klären helfen, ob er wirklich kontrolliert trinken kann. Hält er aber nach einer gewissen Zeit an dem Wunsch fest, kontrolliert trinken zu wollen, sollte er an eine Beratungsstelle (mit einem entsprechenden Angebot) vermittelt werden. Dabei gilt der Grundsatz, dass die Interessen der Gruppenmitglieder Vorrang haben, die noch nicht so lange und stabil abstinent sind. Ihr Schutz ist wichtig. Jede Gruppe entscheidet selbst, was sie zulassen kann.

So lassen sich die Diskussionsergebnisse der Herbst-Arbeitstagung vom 18. bis 20. November 2016 in Stadtbergen bei Augsburg zusammenfassen. Die Veranstaltung hatte das Thema „Abstinenz und Kontrolle – Was bedeutet das für die Selbsthilfe des Kreuzbundes?“

In seinem Vortrag „Abstinenz – ein veraltetes Ziel? Müssen wir aufgrund aktueller Forschungsergebnisse Behandlungsziele und Behandlungsmethoden ändern? “ zog Dr. Dieter Geyer (s. Foto), Chefarzt der Fachkliniken Fredeburg und Holthauser Mühle, das Fazit, dass die Wirksamkeit abstinenzorientierter Behandlungen hinreichend nachgewiesen ist. „Es gibt bis jetzt nichts Besseres als die Abstinenz“. Die Wirksamkeit der therapeutischen Unterstützung zum „Kontrollierten Trinken“ sei dagegen unklar, vor allem bei Alkoholabhängigen. Eine Trinkmengenreduktion sei ein geeignetes Ziel für Menschen mit schädlichem Alkoholkonsum oder „milder Gebrauchsstörung“ ohne schwerwiegende Folgeschäden.

Allerdings sei „Kontrolliertes Trinken“ für Alkoholabhängige als Selbstversuch oder im Rahmen einer Behandlung vielfach auch ein Zwischenschritt zum Aufbau von Abstinenzmotivation. Geyer plädierte insgesamt dafür, den Wert der Abstinenz in der Gruppe nicht aufzugeben und auch nicht zu relativieren. Die andauernde Begleitung der Trinkmengenreduzierung gehöre nicht in die Selbsthilfegruppe, sondern in die ambulante Suchthilfe.

Michael Tremmel, Suchtreferent des Kreuzbund-Bundesverbandes, schlug vor, Abstinenz nicht als etwas Statisches, sondern als Prozess, als Weg zu mehr Lebensqualität zu verstehen. In diesem Sinne bedeute Abstinenzorientierung nicht nur Verzicht auf Alkohol, sondern eine Lebenshaltung, die Schädliches reduziert und weglässt und damit Freiraum schafft für das, was gut tut. Tremmel empfiehlt in diesem Zusammenhang den Begriff „kontrolliert abstinieren“, denn darin komme ein aktives Tätigsein, ein Handlungsprozess zum Ausdruck. Die Offenheit in den Gruppen sollte sich auch auf diejenigen Gruppenbesucher/-innen beziehen, die noch nicht abstinent sind, die Eingangsschwelle dürfe nicht so hoch sein. Einige Menschen bräuchten die Hilfe der Gruppe, um festzustellen, ob sie suchtkrank sind und eine Abstinenzorientierung ein Weg für sie sein kann. Die Selbsthilfe werde davon profitieren, wenn sie ihre Kompetenz ausbaut, um mit unsicheren und suchenden Suchtkranken ins Gespräch zu kommen.  

Marianne Holthaus, Suchtreferentin des Kreuzbund-Bundesverbandes, betonte den Wert der Motivierenden Gesprächsführung. Die Haltung, die dieser Methode zu Grunde liegt, sind Wertschätzung und Zuversicht, auf Konfrontation wird ausdrücklich verzichtet. Mit der Zunahme an trendigen computergestützten Programmen, z.B. Trinktagebüchern, sei zu erwarten, dass vor allem in der beruflichen Suchthilfe die Fixierung auf die Abstinenz eher gelockert und eine prozess- oder zieloffene Begleitung wichtiger werde. Auch sei zu erwarten, dass Selbstheilungsprozesse stärker erforscht werden, denn immerhin gelingt es zwei Dritteln aller problematisch und abhängig Trinkenden ohne jede Hilfe – weder durch Medizin oder Suchthilfe noch durch die Selbsthilfe – ihren Weg aus der Sucht zu finden. Das Suchthilfe-System erreicht bisher nur acht bis zehn Prozent der Hilfebedürftigen.

Bundesgeschäftsführer Heinz-Josef Janßen bezeichnete Abstinenz als den Königsweg. Die Erfolgszahlen des Kreuzbundes bestätigen den Wert der Abstinenz, denn immerhin schaffen es drei Viertel der regelmäßigen Gruppenmitglieder, dauerhaft abstinent zu leben. Von Kooperationspartnern und Unterstützern werde der Kreuzbund geschätzt wegen seiner transparenten Ziele und Aufgaben und der vorbildlichen Arbeitsweise. „Die Kompetenz des Kreuzbundes liegt in der Abstinenzorientierung, dieses klare Profil muss erhalten werden.“

Gunhild Ahmann, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit

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