Nachricht anzeigen

Allein oder einsam oder ... ?!

Multiplikatoren-Tagung beschäftigt sich mit unterschiedlichen Lebenssituationen

Auf der Multiplikatoren-Tagung des Arbeitsbereichs "Senioren/55plus" vom 19. bis 22. August 2022 im Katholisch-Sozialen-Institut (KSI) in Siegburg stand die Frage im Mittelpunkt: Macht es einen Unterschied, wenn ich sage, ‚Ich bin allein‘ oder ‚Ich bin einsam‘ oder ‚Ich bin ein Einzelner / eine Einzelne‘? Mit dem ‚Einzeln-sein‘ kommt eine dritte, wenn auch ungewohnte Möglichkeit hinzu, eine Lebenssituation zu beschreiben, wie sie oft erlebt werden kann: in der Zeit der akuten Suchterkrankung, auf der Wegsuche hin zu einer abstinenten Lebensführung und erst recht im Älterwerden.

Die 17 Multiplikatorinnen und Multiplikatoren aus elf Diözesanverbänden hatten zunächst ihre Mühe mit diesem ‚Einzeln-sein‘. Neben den vertrauten Erfahrungen ‚allein-sein‘ und ‚einsam-sein‘ - jeder von uns hat dies schon einmal erlebt - auch noch eine dritte Beschreibung zuzulassen. Das war ziemlich ungewohnt, ja, fremd. Wozu sollte es gut sein?

Oft ist es mit Selbstverständlichkeiten des Lebens so, dass wir uns ihrer nicht bewusst werden, wir leben sie einfach. So ist das auch mit der Selbstverständlichkeit, dass wir als Menschen zunächst einmal Einzelne sind. Erst wenn und weil wir Einzelne sind, gelangen wir zu der Erfahrung, allein und nicht selten sogar einsam zu sein. Spätestens ab dem Moment, indem unsere Nabelschnur durchtrennt wurde, sind wir zuallererst Einzelne.

In der Sucht-Selbsthilfe heißt es oft: „Nur du allein kannst es schaffen, aber du musst diesen Weg nicht allein gehen.“ Erst recht im Älterwerden spüren wir den Verlust von Partnerinnen oder Partnern, von Freunden und Weggefährten. Da kommt die Erfahrung, allein zu sein, einsam zu sein, sehr nahe. In solchen Lebenslagen, sei es, den eigenen Weg zur Abstinenz zu finden, sei es, im Alter mit dem Verlust von vertrauten Menschen zurecht zu kommen, lohnt es sich, sich das Selbstverständlichste bewusst zu machen: Ich bin ein einzelner Mensch! Ist dieser Tatsache etwas Positives abzugewinnen? Die Nabelschnur muss durchtrennt werden, anders können wir als Menschen nicht beginnen, unser Leben zu leben. „Nur du allein kannst es schaffen …“ – auch hier klingt eine positive Fähigkeit an! Dem Einzelnen wird die Fähigkeit zugesprochen, ihm oder ihr wird Mut gemacht, Entscheidendes für das eigene Leben zu schaffen.

Wozu soll es gut sein? Der persönliche Austausch zeigte, dieses dritte Bewusstsein, ein Einzelner zu sein, relativiert ein klein wenig die Not, den seelischen Druck und das Leiden daran, auch allein, ja, einsam zu sein.

In der Abschlussrunde, in der noch einmal auf das ganze Wochenende zurückgeblickt wurde, sagte einer: „Ich bin als Einsamer hierhergekommen – und ich fahre jetzt als Einzelner wieder heim. Das tut mir gut!“

Dr. Michael Tremmel

Zurück