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Herbst-Arbeitstagung in Stadtbergen bei Augsburg

Dimensionen des Glücks - ein Thema für die Sucht-Selbsthilfe

„Wäre ich das Glück – würde ich mich finden?“ – so lautete das Thema der Herbst-Arbeitstagung vom 22. bis 24. September 2017 im Exerzitienhaus Leitershofen. Unter der Leitung von Marianne Holthaus, Suchtreferentin des Kreuzbund-Bundesverbandes, gingen die rund 80 Teilnehmenden auf die Suche nach glücklichen Phasen ihres Lebens, und zwar mit Hilfe von Vortragsimpulsen, Gruppen- und Einzelarbeit. Marianne Holthaus stellte verschiedene Dimensionen des Glücks vor:

  1. Glück braucht die Fähigkeit, Freude und Lust empfinden zu können.

Diese Dimension beinhaltet das Glück als Gefühl des Augenblicks. Das Hochgefühl bei Vergnügungen, die uns mit Freude erfüllen. Das Glückgefühl als unmittelbare Reaktion auf etwas Schönes, auf leiblich-sinnliche Genüsse, Geborgenheit, ein Berührtsein, den Rausch des Glücks auf Festen, mit Freunden usw. Diese Geschenke des Augenblicks wollen natürlich auch entgegengenommen werden. Kurz: Es braucht die Fähigkeit genießen zu können!

Menschen, die eine Suchterkrankung bewältigt haben, tun gut daran, ihre Fähigkeit zu stärken, sich selbst etwas Gutes zu tun und dies zu genießen, denn das ist ein Schlüssel für ein Leben ohne Suchtmittel. Zur Fähigkeit des Genießens gehört es, achtsam im Hier und Jetzt zu leben und Maß halten zu können. Lust und Genuss können nicht andauern – das gehört zu ihrem Wesen. Den permanenten Rausch gibt es nicht bzw. nur um den Preis der massiven Selbstgefährdung.

  1. Glück braucht Fähigkeiten, sich Wünsche zu erfüllen und Ziele zu erreichen.

Im Alltagsleben sprechen wir – etwas bescheidener – lieber von Zufriedenheit, Lebensqualität und Wohlbefinden, wenn wir danach gefragt werden, ob wir glücklich sind. Und das ist gut so: Zufriedenheit ist die nachhaltigere Erfahrung, auf die wir aktiv Einfluss nehmen können. Für eine zufriedene Lebensführung braucht es zunächst eine persönliche Auseinandersetzung und Orientierung, darüber:

  • was mir wichtig ist,
  • wie ich mein bisheriges Leben bewerte und wo ich heute stehe,
  • welche Wünsche und Ziele ich für die Zukunft habe und wofür ich meine Energie einsetzen will.

Die Suche nach Antworten auf diese Fragen sind ein Prozess – manchmal auch ein Balanceakt, bei dem es gilt, das Je-Eigene zu entdecken und – wenn möglich – entschlossen , engagiert und mit Hingabe zu verwirklichen.

  1. Glück als Ergebnis des guten, sinnorientierten Lebens

Glücksempfindungen können nicht aus rein egoistischem Selbstbezug erwachsen. Menschen, die nur an sich denken und ohne Rücksicht auf andere hartnäckig nur die eigenen Ziele verfolgen, haben wenige Chancen auf ein gutes und erfülltes Leben. Glücksempfindungen erwachsen aus positiven Beziehungen zu den Mitmenschen, aus einem Ziel, für das sich der Einsatz lohnt und einer positiven Sinn- und Werteorientierung, die über den Einzelnen hinausgeht. Wer z.B. seine eigenen Stärken in den Dienst eines Ehrenamtes stellt, kann seine Chancen auf Zufriedenheit und Wohlbefinden erhöhen. Glück ergibt sich gegebenenfalls – quasi als „Nebenwirkung“ – aus menschenfreundlichen Haltungen und Handlungen und einem verantwortungsbewussten Lebensstil von ganz alleine.

Kein Glück ohne die Unwägbarkeiten des Lebens

Wir bringen unterschiedliche Voraussetzungen für gelungenes Leben mit. Wir haben schwer beeinflussbare ungünstige Umstände zu bewältigen. Vielleicht ist uns ein Naturell gegeben, das nicht gerade „glücksdienlich“ ist und uns übermäßig viel Kraft kostet. Erfülltes Leben findet in einem Spannungsfeld zwischen Gelingendem und Nicht-Gelingendem statt, zwischen Glück und Unglück. Ohne die Phasen des Unglücks würden wir die Zeiten des Gelingens und der Zufriedenheit gar nicht erkennen und wertschätzen. Glück und Zufriedenheit wollen immer wieder neu verfolgt werden. Es ist eine Herausforderung, einerseits den Glücksschmied in uns selbst zu ermutigen und zu stärken und andererseits die Grenzen des Machbaren demütig anzunehmen.

In der Selbsthilfe gilt es, die vielen Arten des kleinen Gelingens wahrzunehmen und zum „Buchhalter“ guter Momente zu werden, die es aufzuspüren und zu sammeln gilt, um den Blick wieder für das Schöne im Leben zu öffnen. Die Begegnungen mit Weggefährten unterbrechen den rasanten Lauf des Alltags durch Be-sinn-ung auf das Wesentliche. Das ist die Substanz von Selbsthilfe. Es ist die Vergewisserung, dass Leben glückt, trotz alledem.

Die Herbst-Arbeitstagung wurde mit 13.000 Euro mitfinanziert von der DAK Gesundheit. Die Selbsthilfe-Förderung ist im Sozialgesetzbuch V als Unterstützung der gesetzlichen Krankenkassen an Organisationen und Verbände vorgesehen, die sich ergänzend zum übrigen Gesundheitswesen um die Belange der Betroffenen kümmern.

Marianne Holthaus, Suchtreferentin des Kreuzbund-Bundesverbandes (Literaturhinweise sind bei der Verfasserin erhältlich.)

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