Nachricht anzeigen

Kreuzbund-Chat ebnet den Weg zur Selbsthilfe

"Aufpassen beim Tanz mit der anderen Seele"

Gemeinschaft, Verbundenheit und Austausch mit anderen Betroffenen geben Halt und Sicherheit, z.B. in Selbsthilfegruppen. Doch oft fällt es schwer, den ersten Schritt zu gehen und eine Selbsthilfegruppe zu besuchen. Das gilt vor allem für suchtkranke Menschen und ihre Angehörigen. Aus diesem Grund hat der Kreuzbund ein niedrigschwelliges digitales Angebot geschaffen: Seit Anfang 2020 gibt es den Kreuzbund-Chat, eingebettet in die Online-Beratung des Deutschen Caritasverbandes. An Weihnachten und zum Jahreswechsel werden erweiterte Chat-Zeiten angeboten. SIe finden sie unter diesem Link:

www.kreuzbund.de/chat

Der Chat sieht sich als Treffpunkt und Wegweiser zur Präsenzgruppe. Er soll es Suchtkranken und Angehörigen erleichtern, Kontakt zur Sucht-Selbsthilfe aufzunehmen. Und das gelingt auch: Für viele Besucher*innen ist es der erste Versuch, sich Informationen und Hilfe zu holen. Manche von ihnen haben vorher weder Kontakt zu einer Suchtberatungsstelle gehabt noch zu einer anderen Hilfeeinrichtung. Denn es fällt schwer, sich ein Suchtproblem einzugestehen, sei es als Betroffene(r) oder als Angehörige(r). Und noch viel schwerer ist es, das gegenüber anderen Menschen zu tun, erinnert sich Reinhard Petz (55) aus Hückelhoven an seine eigene Suchtgeschichte. Durch den Chat haben nun viele Menschen eine Tür zur Präsenz-Gruppe. Petz moderiert regelmäßig Chats des Kreuzbundes.

Den typischen User, die typische Userin im Kreuzbund-Chat gibt es nicht. „Niemals kann der eine Teilnehmer mit dem anderen verglichen werden“, schildert Petz seine Erfahrung. Häufig suchen Angehörige zuerst den Kontakt zur Sucht-Selbsthilfe und viele jüngere Menschen im Alter von 20 bis 40 Jahren, die eher selten in einer Kreuzbund-Gruppe anzutreffen sind. „Im Chat können wir Menschen treffen, die in einer Präsenzgruppe niemals die Kraft gefunden hätten, die Tür das erste Mal zu öffnen“, ist Petz überzeugt.

Einige Besucher*innen wollen sich erst mal nur informieren, andere stellen konkrete Fragen und suchen Rat. Viel Raum nimmt der Alkohol ein, der oft als Problemlöser eingesetzt wird, sagt Wolfgang Melka (72) aus Lünen, der ebenfalls als ehrenamtlicher Chat-Moderator von Anfang an dabei ist. Beim ersten Besuch im Chat fällt es vielen schwer, über ihr Suchtproblem zu schreiben, denn Sucht ist immer noch mit Scham verbunden und eine Problematik, der zu viele Menschen aus dem Weg gehen. „Vertrauen entsteht, indem ich mich als Mensch mit gleichen oder ähnlichen Problemen zu erkennen gebe und etwas über meinen Weg aus der Sucht erzähle“, so Melka.

Das bestätigt Reinhard Petz: „Wenn ich einem Menschen Glauben schenke und er bemerkt, dass er nicht in Zweifel gezogen wird, wird er sich gern öffnen – hier braucht es ein wenig Fingerspitzengefühl“. Sein Grundsatz lautet: „Aufpassen beim Tanz mit der anderen Seele! Der Dienst an und mit Menschen muss unbedingt menschlich bleiben.“ Er ist sicher, dass hier nie ein „Gesprächsleitfaden“ erstellt werden kann, denn die Moderator*innen sollten die Besucher*innen weder vergleichen noch bewerten. „Wenn meine Partnerin mir sagt, es geht ihr nicht so gut, kann ich weder zustimmen noch alles abstreiten – damit würde ich bewerten und eine Grenzüberschreitung begehen, zu der ich nicht berechtigt bin.“

Die Moderator*innen profitieren auch selbst von ihrem Ehrenamt. Sie behalten ihre eigene Suchtgeschichte im Auge. „Der Rückblick auf den eigenen schweren Weg und die damit gewonnene innere Freiheit verhindern einen leichtfertigen Umgang mit mir selbst“, erklärt Reinhard Petz.

Alle Chat-Moderator*innen haben die Erfahrung gemacht, dass die meisten Nutzer*innen immer wieder in den Chat kommen – inzwischen wird er fast täglich angeboten. Viele berichten davon, dass sie bereits telefonisch Kontakt zu einer Gruppe aufgenommen haben. „Ich freue mich, wenn sich Besucher*innen für die Hilfe bedanken und auch beim nächsten Chat wieder dabei sind. Natürlich fehlt der eine oder andere mal, aber dann ist die Freude im nächsten Chat umso größer ihn oder sie wiederzutreffen“.

Besondere Freude macht es Wolfang Melka, dass ein Chat-User jetzt regelmäßig seine Kreuzbund-Gruppe besucht. Das ist für ihn die beste Rückmeldung – hier ist Vertrauen entstanden. Das Gefühl nicht allein zu sein hat schon vielen Menschen geholfen, ihren eigenen Weg aus der Sucht zu finden.

Gunhild Ahmann, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit

 

 

 

Zurück