Aktuelles vom Kreuzbund
Schnittstellen gemeinsam gestalten
Suchthilfe sollte sich vernetzen
Vom 27. bis 29. Oktober 2025 fand in Potsdam die 64. DHS Fachkonferenz SUCHT unter dem Titel „Schnittstellen gemeinsam gestalten“ statt. Drei Tage lang drehte sich alles um die aktuellen Herausforderungen und Chancen in Bezug auf Kooperationen im Suchthilfesystem und darüber hinaus.
Der Bundesdrogenbeauftragte Prof. Dr. Hendrik Streeck eröffnete die Konferenz mit einem realistischen, aber auch hoffnungsvollen Grußwort. Er wies auf die finanziell angespannten Zeiten und die drohenden Einsparungen im Suchthilfesystem hin, betonte jedoch gleichzeitig sein offenes Ohr für die Anliegen der betroffenen Menschen und der professionellen wie ehrenamtlichen Helfenden.
Am Montagnachmittag folgten mehrere Vorträge, die ein breites Spektrum aktueller Themen abdeckten. Hier sind nur einige genannt: Prof. Dr. Thomas Redecker, ehemaliger Chefarzt einer Suchtfachklinik, betrachtete den Suchtmittelkonsum als „ineffektiven Selbstheilungsversuch“ – einen Versuch, psychisches Leid zu lindern, der in psychosomatischen und psychotherapeutischen Behandlungen oft übersehen wird. Er plädierte dafür, Menschen mit riskantem Konsum frühzeitig anzusprechen und auch Angebote der Selbsthilfe stärker einzubinden.
Prof. Dr. Anne Koopmann, Oberärztin in der Klinik für Suchtmedizin des Zentralinstituts für seelische Gesundheit in Mannheim, richtete den Fokus auf die Angehörigen. Sie stellte klar, dass der Begriff „Co-Abhängigkeit“ stigmatisierend wirkt, und hob die enormen Anpassungsleistungen der Mitbetroffenen hervor. Besonders eindrucksvoll war ihr Blick auf Kinder suchtkranker Eltern. Sie stellte unterstützende Programme zur Elternkompetenz sowie digitale Angebote für Kinder wie NACOA vor.
Einen weiteren Schwerpunkt setzte Dr. Wibke Voigt, Fachärztin in der Fachklinik Kamillushaus in Essen-Heidhausen, die den engen Zusammenhang zwischen Suchterkrankung und Traumafolgestörung beleuchtete. Sie machte deutlich, dass beide Erkrankungen parallel behandelt werden müssen – eine Abstinenz darf dabei keine Voraussetzung für Traumatherapie sein.
In der anschließenden Podiumsdiskussion kamen auch Betroffene selbst zu Wort. Ihre Berichte machten spürbar, wie hoch die Schwelle ins Hilfesystem oft ist – nicht zuletzt wegen gesellschaftlicher Stigmatisierung. Es entstand eine lebhafte Diskussion über eine bessere Vernetzung zwischen Kita, Schule, Jugendhilfe und Suchthilfe.
Am Dienstag sprach Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswissenschaftler, über die Suchtgefährdung der jungen Generation. Nach der Corona-Pandemie sei der Anteil Jugendlicher mit psychischen Problemen doppelt so hoch wie zuvor. Er betonte, dass Prävention dort stattfinden müsse, wo junge Menschen sich tatsächlich aufhalten – auch in den sozialen Netzwerken.
Es folgten zwölf Foren zu ganz unterschiedlichen Schnittstellen, etwa zur Wohnungsnotfallhilfe, betrieblichen Sozialarbeit, Jugendhilfe oder zur Kooperation von Selbsthilfe und professioneller Hilfe.
Suchtpolitik zwischen Anspruch und Realität
Der letzte Tag stand im Zeichen der Sucht- und Drogenpolitik. Dr. Peter Raiser, Geschäftsführer der DHS, stellte die elf suchtpolitischen Forderungen des Verbandes vor. Sylvia Rietenberg, Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen, präsentierte die suchtpolitischen Ziele ihrer Partei und appellierte an die Suchthilfe, sich stärker in politische Debatten einzumischen, dort „sichtbarer“ zu sein.
In der abschließenden Podiumsdiskussion wurde deutlich, dass Entstigmatisierung weiterhin ein zentrales Thema bleibt. Erste Fortschritte – wie der Gesetzentwurf zum Verbot des begleiteten Trinkens unter 16 Jahren – zeigen, dass Bewegung in der Politik möglich ist, wenn Fachpraxis und Betroffene gemeinsam laut werden.
Persönliches Fazit
Neben den inhaltlich dichten Vorträgen waren es oft die Gespräche in den Pausen, die inspirierend wirkten. Der offene Austausch zwischen Fachleuten, Betroffenen und Ehrenamtlichen zeigte, wie wichtig es ist, Schnittstellen wirklich gemeinsam zu gestalten. Für die Selbsthilfe bleibt die Erkenntnis: Wir sind ein unverzichtbarer Teil des Hilfesystems – und unsere Stimme wird gebraucht, wenn es um die Zukunft der Suchthilfe geht.
Rita Laukötter, Suchtreferentin des Kreuzbund-Bundesverbandes