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Vorfall - Rückfall - Zwischenfall

Herbst-Arbeitstagung vom 20. bis 22. September 2019 in Cloppenburg

Zum inhaltlichen Einstieg in die Diskussion zum Thema "Rückfall" und "Rückfallvorbeugung" waren alle 80 Teilnehmenden der Herbst-Arbeitstagung aufgefordert, ihre persönlichen Einstellungen zu verschiedenen Aspekten eines Rückfalls einzuschätzen sowie in einem zweiten Schritt die Einschätzung ihrer Gruppe, z.B.

  • "Rückfälle sind etwas Negatives (= Scheitern, Misserfolg)." Versus: "Rückfälle haben positive Aspekte (= Lernerfahrung, Chance)."
  • "Um den Rückfall wird in der Gruppe am liebsten ein Bogen gemacht." Versus: "Über den Rückfall wird in der Gruppe offensiv gesprochen."
  • "Wir haben bei uns in der Gruppe ein gemeinsames Rückfallverständnis und ziehen beim Umgang damit an einem Strang". Versus: "In Bezug auf das Thema „Rückfall“ gibt es bei uns in der Gruppe viel Ungeklärtes und Spannungsgeladenes."

Prof. Dr. Wilma Funke (s. Foto), Therapeutische Leiterin der Kliniken Wied und Professorin an der Kath. Hochschule NRW in Köln, brachte die Teilnehmenden am Samstag mit einem Grundsatzvortrag auf den aktuellen fachlichen Stand. Ihr Referat hatte den Titel "Wie kommt der Sinn ins Leben?" Als Arbeitsgrundlage diente folgende Definition: Als Rückfall bezeichnen wir den erneuten Konsum eines Suchtstoffs nach einer Zeit der selbstentschiedenen Abstinenz (z.B. umfassende Abstinenz, Teilabstinenz oder Punktabstinenz) bei jemandem, der/die für sich akzeptiert hat, suchtkrank zu sein. Als Hochrisikosituationen gelten

  • negative Befindlichkeiten (Angst, Hoffnungslosigkeit, Einsamkeit, Ärger etc.)
  • soziale Trinksituationen (Feiern, Urlaub, Angebote etc.)
  • Austesten der Kontrollfähigkeit

Um den Weg in die Abstinenz zurückzufinden, braucht es ein abwägendes rationales Nachdenken über auslösende Bedingungen und Möglichkeiten der Schadensbegrenzung sowohl vom Betroffenen selbst als auch von den unterstützenden Menschen im Umfeld. Panisch-katastrophisierendes Denken ist kontraproduktiv. In der Selbsthilfegruppe gilt es, den Hilfesuchenden respektvoll zu begleiten, Veränderungsansätze aufzugreifen sowie die Selbstverantwortung zu betonen. Für alle Beteiligten ist es wichtig, immer mal wieder zu überprüfen: Wie zufrieden bin ich mit mir und meinem Leben? Wie erlebe ich die Beziehungen zu meinen Mitmenschen? Was könnte mich ernsthaft aus den Fugen bringen? Wie gehe ich mit mir und meinen Wünschen um?

Rückfälligkeit ist ein komplexes Geschehen, das man aus unterschiedlichsten Perspektiven betrachten kann. Auf der Tagung haben die Teilnehmenden auch die Arbeitsbereiche des Kreuzbund-Bundesverbandes zum Anlass genommen, sich mit dem Thema „Rückfall“ auseinanderzusetzen. Die folgenden Fragen umreißen nur stichwortartig die Fülle der Fragen:

  1. Unterscheiden sich Rückfallprozesse von jüngeren und älteren Menschen – von Frauen und Männern voneinander?
  2. Welche inneren Dynamiken werden bei Angehörigen ausgelöst, wenn in der Partnerschaft jemand suchtmittelrückfällig wird? Was hilft Angehörigen?
  3. Welche Herausforderungen ergeben sich aus dem Rückfall als mögliche Komplikation im Krankheitsgeschehen „Sucht“ für die ehrenamtliche Öffentlichkeitsarbeit?
  4. In welcher Weise kann Seelsorge bzw. eine spirituelle Orientierung im Falle eines Rückfallgeschehens hilfreich wirken?

Gegen Ende der Tagung gab es insgesamt eine immer noch große Zustimmung zum Empfehlungsschreiben „Umgang mit Rückfällen von Vorstandsmitgliedern“, das 2012 von der Bundesdelegiertenversammlung abgestimmt und beschlossen wurde. Das Papier unterstützt alle Beteiligten, wenn ein ehrenamtlicher Funktionsträger rückfällig wird und sich Unsicherheit über den Umgang damit ergibt.

Obwohl der Bundesverband des Kreuzbundes über viele Jahre immer wieder in unterschiedlichen Zusammenhängen das Thema „Rückfall“ aufgreift, ergaben die unterschiedlichen Perspektiven auch diesmal wieder neue Erkenntnisse und Impulse, die in den Diözesen vor Ort weitergetragen und fruchtbar werden können.

Marianne Holthaus, Suchtreferentin des Kreuzbund-Bundesverbandes

 

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