Aktuelles

Was Zahlen verraten

Frauen, Männer und Sucht

Die Datenbasis

Der Epidemiologische Suchtsurvey (ESA) ist die größte repräsentative Bevölkerungsstudie zum Substanzkonsum in Deutschland. Seit den 1980er-Jahren liefert sie regelmäßig wichtige Erkenntnisse darüber, wie sich das Konsumverhalten der Bevölkerung verändert und welche Gruppen besonders betroffen sind. Dafür werden bundesweit rund 45.000 zufällig ausgewählte Personen angeschrieben, die zu ihrem Konsum von Alkohol, Tabak- und Nikotinprodukten, Cannabis, Medikamenten und weiteren psychoaktiven Substanzen befragt werden. Die Ergebnisse bilden eine wichtige Grundlage für Prävention, Suchthilfe und gesundheitspolitische Entscheidungen. 

Die Auswertungen der vergangenen Erhebungen zeigen deutlich: Männer und Frauen unterscheiden sich nach wie vor in ihrem Konsumverhalten. Während Männer häufiger und in größeren Mengen Alkohol trinken, rauchen und illegale Drogen konsumieren, nehmen Frauen häufiger psychoaktive Medikamente wie Schlaf- oder Beruhigungsmittel ein. Gleichzeitig verändern sich diese Unterschiede im Laufe der Zeit – insbesondere bei jüngeren Generationen. Querschnitts- und Trendergebnisse des Epidemiologischen Suchtsurveys sind auf der ESA-Webseite (www.esa-survey.de) verfügbar und Basis für die hier vorgestellten Daten. Ein Überblick über die Ergebnisse 2024 wurde im Deutschen Ärzteblatt[1] veröffentlicht.

Alkohol

Alkohol ist nach wie vor die mit Abstand am weitesten verbreitete psychoaktive Substanz in Deutschland. Zwar ist der Alkoholkonsum in der Bevölkerung seit vielen Jahren rückläufig und insbesondere bei jüngeren Generationen nimmt die Abstinenz zu, dennoch trinken etwa zwei Drittel der Erwachsenen mindestens einmal im Monat Alkohol. Männer konsumieren Alkohol nicht nur häufiger, sondern auch in größeren Mengen. Nach den aktuellen Ergebnissen des ESA trinken rund 86 % der Männer und etwa 81 % der Frauen mindestens einmal pro Jahr Alkohol. Nach heutigem wissenschaftlichem Kenntnisstand gibt es keine risikofreie Konsummenge – bereits geringe Mengen Alkohol können das Risiko für verschiedene Erkrankungen, insbesondere bestimmte Krebsarten, erhöhen. Riskanter Alkoholkonsum tritt nach den aktuellen Daten bei etwa 12,7 % der konsumierenden Männer und bei 8,6% der konsumierenden Frauen auf.

Abbildung 1 Konsummuster Rauschtrinken (Epidemiologischer Suchtsurvey 2024)

Auch sogenanntes Rauschtrinken (mindestens fünf Gläser Alkohol bei Männern bzw. vier Gläser bei Frauen bei einem Anlass) wird von konsumierenden Männern (35,5 % Männer, 16.9% Frauen, Altersgruppe 18-64 Jahre) erheblich häufiger berichtet (vgl. Abb. 1).

Männer geben deutlich häufiger alkoholbezogene Störungen an. Die Prävalenz von Alkoholmissbrauch liegt bei Männern bei 6 % der Konsumierenden, bei Frauen bei 1,9%. Hinweis auf Alkoholabhängigkeit in den letzten 12 Monaten liegen bei 6,2% der konsumierenden Männer und bei 3,8 % der konsumierenden Frauen vor.

Diese Unterschiede spiegeln sich auch in den gesundheitlichen Folgen wider. Alkoholbedingte Erkrankungen und Todesfälle werden vorwiegend bei Männern berichtet. Gleichzeitig bedeutet dies jedoch nicht, dass Frauen besser vor den Folgen geschützt sind. Im Gegenteil: Frauen reagieren aufgrund physiologischer Unterschiede empfindlicher auf Alkohol. Sie besitzen im Durchschnitt einen geringeren Körperwasseranteil und bauen Alkohol langsamer ab. Dadurch entstehen bei gleicher Trinkmenge höhere Blutalkoholkonzentrationen. Bei Frauen kann sich die Entwicklung alkoholbezogener Probleme und Abhängigkeit schneller vollziehen als bei Männern. Zudem treten gesundheitliche Folgen des Alkoholkonsums bei Frauen teilweise früher und bei geringeren Konsummengen auf (Diehl et al., 2007[2]; Erol & Karpyak, 2015[3]).

Trotz dieser Unterschiede gibt es auch eine positive Entwicklung. Der Anteil der Menschen, die vollständig auf Alkohol verzichten, ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen. Besonders bei jungen Erwachsenen und nachrückenden Geburtskohorten zeigt sich ein deutlicher Trend zu einem alkoholfreieren Lebensstil. Dieser Wandel deutet darauf hin, dass Alkohol für viele junge Menschen zunehmend an gesellschaftlicher Bedeutung verliert – eine Entwicklung, die ausdrücklich zu begrüßen ist.

Rauchen

Auch beim Rauchen zeigen sich weiterhin Unterschiede zwischen Männern und Frauen, allerdings haben sich diese in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verringert. Männer weisen nach wie vor etwas höhere Rauchraten auf als Frauen. So gaben 23,7% der Männer an, Zigaretten, Zigarren oder Pfeife zu rauchen, während 19,7 % der Frauen rauchten. Hinsichtlich Abhängigkeit erfüllen 39,1% der rauchenden Frauen und 35,3 % der rauchenden Männer in der Altersgruppe 18 bis 64 Jahren die diagnostischen Kriterien.

Neben klassischen Tabakprodukten gewinnen elektronische Zigaretten deutlich an Bedeutung. Besonders bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind E-Zigaretten inzwischen ein relevantes Konsummuster und tragen dazu bei, dass sich die geschlechtsspezifischen Unterschiede beim Nikotinkonsum weiter verändern. 15,6 % der Männer und 13,1 % der Frauen gaben an, in den letzten 12-Monaten nikotinhaltige E-Produkte konsumiert zu haben.

Cannabis

Im Bereich des Cannabiskonsums zeigen sich weiterhin deutliche Geschlechterunterschiede. So berichten 30,7 % der Männer, aber nur 21,9 % der Frauen im Alter von 18 bis 85 Jahren von einem mindestens einmaligen Cannabiskonsum im Lebensverlauf. Auch der aktuelle Konsum ist bei Männern häufiger: Die 12-Monats-Prävalenz beträgt 10,0 % gegenüber 5,4 % bei Frauen, während 5,4 % der Männer und 2,6 % der Frauen in den letzten 30 Tagen Cannabis konsumiert haben. Besonders ausgeprägt sind diese Unterschiede im jungen und mittleren Erwachsenenalter. Das durchschnittliche Einstiegsalter in den Cannabiskonsum unterscheidet sich dagegen kaum zwischen den Geschlechtern und liegt mit etwa 20 Jahren nahezu auf demselben Niveau. Insgesamt sprechen die Ergebnisse dafür, dass Männer häufiger Cannabis konsumieren, während das Risiko einer problematischen Nutzung unter Konsumierenden beider Geschlechter vergleichbar erscheint. 

Illegale Drogen

Männer konsumieren illegale Substanzen häufiger als Frauen. So haben 16,5 % der Männer, aber nur 11,8 % der Frauen im Alter von 18 bis 64 Jahren mindestens einmal im Leben eine illegale Droge (ohne Cannabis) konsumiert. Für den Konsum innerhalb der letzten zwölf Monate liegen die Prävalenzen bei 4,6 % bzw. 2,8 %. Insgesamt konzentriert sich der Konsum auf jüngere Altersgruppen und nimmt mit zunehmendem Alter deutlich ab. Besonders hohe Prävalenzen finden sich bei den 21- bis 29-Jährigen.

Über nahezu alle betrachteten Substanzen hinweg weisen Männer höhere Konsumprävalenzen auf als Frauen. Dies betrifft insbesondere Amphetamine, MDMA („Ecstasy“), LSD, Kokain/Crack, Ketamin, halluzinogene Pilze sowie neue psychoaktive Substanzen wie z.B. „Badesalze“. Eine Ausnahme bilden Heroin und andere Opioide, bei denen sich in der Lebenszeitprävalenz kaum Geschlechterunterschiede zeigen. Unabhängig vom Geschlecht zählen Kokain, Amphetamine und MDMA zu den am häufigsten konsumierten illegalen Drogen nach Cannabis. Das durchschnittliche Einstiegsalter liegt je nach Substanz überwiegend zwischen 21 und 25 Jahren und unterscheidet sich zwischen Männern und Frauen nur geringfügig.

Insgesamt deuten die Ergebnisse darauf hin, dass Männer sowohl hinsichtlich des Konsums als auch hinsichtlich problematischer Konsummuster stärker belastet sind als Frauen. Das bestätigt frühere Befunde, wonach der Konsum illegaler Drogen weiterhin überwiegend ein männliches Phänomen ist. 

Medikamente

Im Bereich der psychoaktiven Medikamente unterscheiden sich Frauen und Männer deutlich hinsichtlich ihres Konsumverhaltens. Frauen berichten wesentlich häufiger als Männer über die Einnahme entsprechender Arzneimittel. So haben innerhalb der letzten zwölf Monate 52,4 % der Frauen, aber nur 38,5 % der Männer mindestens ein psychoaktives Medikament eingenommen. Auch für die letzten 30 Tage zeigen sich vergleichbare Unterschiede. Die höheren Prävalenzen bei Frauen ziehen sich über nahezu alle Altersgruppen.

Besonders ausgeprägt sind die Geschlechterunterschiede bei Analgetika: Knapp 45 % der Frauen, jedoch nur rund 30 % der Männer berichten von einer Einnahme nicht-opioidhaltiger Analgetika innerhalb der letzten zwölf Monate, z.B. Aspirin, Ibuprofen oder Paracetamol u.a.. Frauen berichten auch häufiger eine regelmäßige oder tägliche Einnahme als Männer. Das gilt auch für Schlafmittel (Sedativa) und Beruhigungsmittel (Hypnotika), v.a. im höheren Lebensalter.

Insgesamt verdeutlichen die Ergebnisse, dass Frauen häufiger Medikamente mit psychotroper Wirkung anwenden. Zwar sind Hinweise auf Missbrauch, Abhängigkeit oder eine Medikamentengebrauchsstörung in der Allgemeinbevölkerung insgesamt selten, Frauen weisen jedoch etwas höhere Prävalenzen auf als Männer. 

 

Abbildung 2 30-Tage Prävalenz des Konsums der 18-64-Jährigen nach Geschlecht. (Epidemiologischer Suchtsurvey 2024).

Warum gibt es diese Unterschiede?

Die Unterschiede in den Prävalenzen von Alkohol, Cannabis, Tabak oder anderen Substanzen lassen sich nicht allein durch biologische Faktoren erklären. Vielmehr wirken verschiedene soziale, psychologische und kulturelle Einflussfaktoren zusammen. Traditionelle Geschlechterrollen können beispielsweise beeinflussen, welche Formen des Konsums gesellschaftlich akzeptiert sind und wie offen Menschen über ihren Substanzgebrauch sprechen. Auch der Umgang mit Stress und Belastungen sowie Unterschiede in Lebenssituationen, Freizeitgestaltung und sozialen Netzwerken können eine Rolle spielen (RKI, 2022[4])

Darüber hinaus unterscheidet sich auch das Hilfesuchverhalten zwischen den Geschlechtern. Männer nehmen bei Suchtproblemen insgesamt seltener professionelle Hilfe in Anspruch, wobei traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit, etwa die Erwartung, Probleme selbstständig bewältigen zu müssen, eine mögliche Barriere darstellen. Frauen suchen häufiger Unterstützung, sehen sich bei problematischem Substanzkonsum jedoch teilweise mit stärkerer gesellschaftlicher Stigmatisierung und Vorurteilen konfrontiert. Dies kann insbesondere bei Frauen den offenen Umgang mit dem eigenen Konsum und den Zugang zu Hilfe erschweren (Gutiérrez et al., 2024[5]).

Was bedeutet das für Sucht-Selbsthilfe?

Die Unterschiede zeigen, dass Prävention und Suchthilfe geschlechtsspezifische Lebenslagen berücksichtigen sollten. Männer und Frauen bringen unterschiedliche Lebensgeschichten, Belastungen und Konsummuster mit. Eine erfolgreiche Unterstützung muss nicht nur den Konsum selbst in den Blick nehmen, sondern auch die unterschiedlichen Wege, wie Frauen und Männer Belastungen erleben, Hilfe suchen und Veränderung gestalten.

Unterschiedliche Formen der Gruppenarbeit sind wichtig und haben ihre Berechtigung: Für manche Betroffene sind geschlechtsspezifische Gruppen besonders hilfreich, da sie Erfahrungen und Herausforderungen mit anderen Betroffenen des gleichen Geschlechts offen teilen können und dadurch nochmals ein intensiver und geschützter Raum für Austausch entsteht. Andere erleben gerade gemischte Gruppen ggf. auch mit Ihrem Partner als wertvoll, weil dort unterschiedliche Perspektiven, Lebenswege und Bewältigungsstrategien zusammenkommen und von den unterschiedlichen Perspektiven profitiert werden kann.

Um diese unterschiedlichen Lebensrealitäten und Entwicklungen sichtbar zu machen, sind verlässliche Daten aus der Suchtforschung unverzichtbar. Sie helfen dabei, Veränderungen im Konsumverhalten frühzeitig zu erkennen, bestehende Angebote weiterzuentwickeln und neue Bedarfe zu identifizieren. Im Jahr 2027 startet die nächste Erhebungswelle des Epidemiologischen Suchtsurveys (ESA). Die Ergebnisse dieser bundesweiten Befragung liefern eine wichtige Grundlage für die Arbeit der professionellen Suchthilfe ebenso wie für die Selbsthilfe.

Wenn Sie im Rahmen dieser Erhebung angeschrieben werden, leisten Sie mit Ihrer Teilnahme einen wichtigen Beitrag. Jede Rückmeldung hilft dabei, ein realistisches Bild der Situation in Deutschland zu erhalten und die Angebote der Suchthilfe weiter zu verbessern.

Regina Hollweck, Wissenschaftliche Mitarbeiterin IFT Institut für Therapieforschung München / Leiterin der Frauengruppe Wasserburg (DV München und Freising)

Weitere Informationen gibt es hier: https://ift.de/


Olderbak, S., Hollweck, R., Krowartz, E.-M., Möckl, J., & Hoch, E. (2025). Psychoactive substance use in Germany: Findings from the Epidemiological Survey of Substance Abuse (ESA) in 2024 [Konsum psychoaktiver Substanzen in Deutschland - Ergebnisse des Epidemiologischen Suchtsurveys (ESA) 2024]. Deutsches Ärzteblatt International, 122: online first. https://doi.org/10.3238/arztebl.m2025.0157 [1]

[2] Diehl, A., Croissant, B., Batra, A., Mundle, G., Nakovics, H., & Mann, K. (2007). Alcoholism in women: Is it different in onset and outcome compared to men? European Archives of Psychiatry and Clinical Neuroscience, 257, 344–351.

[3] Erol, A., & Karpyak, V. M. (2015). Sex and gender-related differences in alcohol use and its consequences: Contemporary knowledge and future research considerations. Drug and Alcohol Dependence, 156, 1–13

[4] Robert Koch-Institut (RKI). Gesundheitliche Lage der Frauen in Deutschland. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Berlin: Robert Koch-Institut. https://doi.org/10.25646/6585

[5] Gutiérrez, M. et al. (2024). Patterns and Challenges in Help-Seeking for Addiction among Men: A Systematic Review.